In dieser Rubrik sind Newsletter (ab dem 05. Juni 2011) zu finden, die Teil eines zusammenhängenden Textes sind und nach und nach veröffentlicht werden.
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Die Suche nach mir selbst ist nun schon viele Jahre vorbei. Lange wurde ich von sogenannten oder selbst ernannten "Wissenden" in die Irre geführt, bevor ich den Lehren Sri Nisargadatta Maharaj begegnete und bald – wie es so schön heißt – meine wahre Natur erkannte.
Diese Suche und das Finden war so paradox, dass ich mich danach oft fragte: "Warum habe ich überhaupt gesucht? Das, was ich gefunden habe, ist das, was doch schon immer (da) war."
Nun ja, es schien eben zeitweise nicht da gewesen zu sein, es schien vernebelt. Bei genauerer Betrachtung sollte ich eher sagen: Es wurde schlichtweg vergessen. Doch, und das ist die natürliche Folgefrage, wie konnte es überhaupt geschehen, dass ich mich – als das, was ich bin – vergesse? Heute, Jahre danach also, ist es einfach, dieses Vergessen zu verstehen. Doch es zu erklären und das "Finden" beschreiben zu wollen, ist fast unmöglich. Das, um was es geht, ist so weit jenseits unseres (gewohnten) Denkvermögens, dass es in Worten weder verstanden, noch beschrieben werden kann. Man kann es umschreiben, doch wie die Praxis zeigt, wird hier mehr falsch verstanden (also wörtlich genommen), als dass es tatsächlich durchdrungen wird. Selbst der Veda – immerhin die älteste und umfangreichste Religion oder Philosophie der Welt – schweigt hier. "Neti, neti" ("nicht dies, nicht dies") heißt es nur. Und die wirklichen großen Meister schweigen ebenfalls. Zu Recht, würde ich sagen, denn selbst solche Ideen wie "Oneness", "Einssein" sind nicht wirklich zutreffend. Shri Siddharameshwar Maharaj erklärt beispielsweise hierzu recht klar:
"Hierfür gibt es kein Gleichnis, dass es erklären könnte.
Mit Gleichnis ist hier etwas gemeint, dass das Wissen um die Natur
der "Realität" mit etwas anderem vergleicht und es damit aufzeigt.
Es gibt nichts und nichts Ähnliches, das gezeigt werden könnte.
Ebenso wenig gibt es Worte, die diesen Zustand voll oder angemessen erklären könnten.
Es gibt keine Form, kein Objekt und keine Worte,
die man mit diesem Zustand vergleichen könnte. ...
Für "Es" gibt es keine andere Sache.
Die gesamte Welt ist nur Parabrahman, oder Paramatman."
[Sri Siddharameshwar Maharaj - ‚Master of Self-Realization']
Über die Jahre kamen und kommen viele Suchende auf mich zu und erhoffen sich eine Antwort auf die grundlegende Frage: Wer bin ich? Was ist meine wahre Natur? Ich kann oder könnte ihnen einfach sagen, dass sie sich – das was sie wirklich sind – einfach vergessen haben, sich nicht mehr daran erinnern. Doch wenn man etwas so gründlich vergessen hat, passiert es eben sehr selten, dass die Erinnerung so von selbst wieder auftaucht. Und bei diesem Thema ist es dann doch noch ein wenig "verzwickter". Man hat sich genau genommen gar nicht wirklich vergessen, man hat noch nie "bewusst" auf sein wahres Sein geschaut. Zu natürlich, oder subtil ist das, was ich bin, als dass ich je darüber nachdenken hätte müssen. Und so ist das, was ich suche, mir sehr sehr nah – eben: zu nah!
Was also ist es, das dieses Vergessen – oder von Anfang an nicht Beachten, nicht Erkennen – bewirkt? Die Antwort ist einfach, das Verstehen können der Antwort jedoch nicht: das Denken!
In der gesamten Weltliteratur der Philosophie und ähnlicher Fachbereiche gibt es nicht eine ausführliche Erklärung, was Denken überhaupt ist. Jeder, der sich damit beschäftigt hat, beginnt sofort mit Beschreibungen von Arten des Denkens (kreatives Denken, analytisches Denken usw.). Doch was Denken an sich ist, wird nirgendwo ausreichend erklärt. Zumindest nicht so, als dass man zur Selbst-Erkenntnis damit etwas anfangen könnte. Ist es vielleicht ebenfalls zu "natürlich", als dass es uns gar nicht in den Sinn kommt, es überhaupt untersuchen und beschreiben zu wollen? Manchmal kommt es mir so vor.
Den vielleicht treffendsten Ansatz fand ich bei einem Pädagogen namens Karl Josef Klauer, wenn auch nur in einem einzigen halben Satz: "… Denken ist eine nicht beobachtbare geistige Tätigkeit, die zielgerichtet ist, also eine geistige Handlung …" Doch später mehr davon.
Obwohl ich hier sicherlich etwas vorgreife, hier ein äußerst bedeutender – wenn vielleicht auch erst mal schwer verständlicher – Satz aus dem Veda:
"Das Denken aber macht diese ganze wesenlose Welt wesenhaft."
[Nrisinha-uttara-tapaniya-Upanishad – 8. khanda]
Kurz nachdem die Suche zu Ende war, hatte ich mich oft gefragt, ob ich denn auch auf die Suche gekommen wäre, wenn mein Leben anders verlaufen wäre. Was wäre, so fragte ich mich, wenn ich beispielsweise alleine auf einer einsamen Insel aufgewachsen wäre und dort mein Leben gelebt hätte? Wäre ich überhaupt auf die Idee gekommen, nach meiner wahren Natur, etwas Höherem oder oder oder … zu suchen? Wäre Denken, so wie wir es kennen, überhaupt geschehen?
Es ist gar nicht so einfach, diese Frage zu beantworten oder sich das Ganze bis zu Ende vorzustellen. Zu schnell kommen einem die gewohnten, anerzogenen oder angenommenen Gedanken und Vorstellungen in den Sinn und zu schnell fällt man wieder auf seine erlernten (Gedanken-)Konzepte herein. Doch lass uns versuchen, diese Idee – wie von außen betrachtet – in einem einfach dargestellten Beispiel einmal durchzuspielen.
Stell dir vor, du wärest gerade als ein Baby auf eine unbewohnte – immer warme – Südseeinsel angeschwemmt worden und hättest diese "Reise" überlebt. Und stell dir weiter vor – nur um es einfach zu machen –, die ganze Insel wäre mit Früchten und anderer Nahrung reich bestückt.
Du bist noch viel zu klein, um dir "Gedanken" zu machen, oder die "Idee" zu haben, dass du ein Körper oder gar eine Person wärest. Alles, was da ist, ist ein Gesamtbild: Strand, Sand, Wasser, Früchte, Palmen, Sonne usw. Das alles wird mit Hilfe der Augen wahrgenommen. Du hast keine Ahnung, was das alles ist – du siehst all das nur. Und über die Ohren hörst du Geräusche: das Brausen des Meeres, das Zwitschern der Vögel usw. Auch hier weißt du nicht, was das alles ist. Du registrierst im Grunde all das nur. Über die Nase empfängst du Gerüche, die dir unbekannt sind und über die Sinneswahrnehmung der Haut spürst du die Wärme der Sonne und den Wind.
All das ist ein Gesamtbild, das dir – wer immer du bist – erscheint. Der Körper ist nicht "dein" Körper, er ist quasi "nur" ein Körper, denn du hast bis dahin keine Idee von dein und mein. Auch wenn du den Körper brauchst, um die Welt wahrnehmen zu können, ist er lediglich das Instrument, das Wahrnehmung möglich macht. Das ist, wie wenn du in einem dunklen Raum mit Hilfe einer Kamera mit Blitz ein Foto machst. Ohne diese Kamera ist das nicht möglich, aber du würdest nicht auf die Idee kommen, dass du deshalb die Kamera bist.
Was würde nun passieren? Vermutlich erst einmal nicht viel. Du würdest (bzw. der Körper in dem Bild würde) vielleicht ziellos ein wenig herumkrabbeln. Doch dann steigt ganz von alleine ein Körpergefühl von Hunger auf. Auch das wird nur registriert. Es signalisiert, dass es Zeit wird, den Körper zu ernähren. Du erfährst das. Doch wer reagiert hier? Ist es nicht der Körper, der ganz natürlich – seiner Natur entsprechend also – versucht, etwas in den Mund zu bekommen, das verdaulich ist? Der Körper ist es, der nun versucht, beispielsweise an eine Blüte zu kommen und den Nektar herauszusaugen wird (lass uns bei solch einfachen Beispielen bleiben und gehen wir davon aus, dass die notwendige Nahrung hier wie im Schlaraffenland einfach da liegt).
Wer nun, so frage ich, hat die Nahrungsaufnahme bewerkstelligt? Ist es nicht einfach der Körper mit seinen natürlichen – sagen wir mal: angeborenen – Fähigkeiten, der das geschafft hat? Sicherlich. Einer Karotte muss man auch nicht erst beibringen, dass sie das Wasser im Boden aufnehmen soll. Ihr muss man auch nicht beibringen, dass sie wachsen und gut schmecken soll.
Und wer nun, so frage ich weiter, ist daran beteiligt? Die Antwort ist klar: niemand. Es ist natürlich, das ist die Natur – wie wir gerne dazu sagen –, es ist wie es immer war und immer sein wird.
Stell dir also vor, das geht so weiter. Das Futterproblem ist also gelöst (wobei hierbei nie ein Problem in Sicht war), das Hirn mit seinen neuralen Fähigkeiten hat sich die Handlung gemerkt (Erinnerung also) und wird beim nächsten Hungergefühl das wiederholen und später auch ähnliches Zeug anknabbern. Geht es dem Körper schlecht, weil er das Falsche gegessen hat, so wird das Hirn auch dieses registrieren und aus der Erinnerung heraus einen Bogen um jene Pflanze machen. Im Grunde ist also bei dieser ganzen Angelegenheit niemand daran beteiligt. Ein Körper mit Hirn, seiner Natur folgend, das ist alles. Und du natürlich, der du den Begriff oder Gedanken "Ich" gar nicht kennst, gar nicht fragst, wer oder was du bist, und dennoch immer nur das Gesamtbild wahrnimmst.
Eines Tages kommen nun beispielsweise dunkle Wolken auf die Insel zu. Was weißt du darüber? Nichts. Du hast noch nie Wolken gesehen; in dem Bild hat es noch nie Wolken gegeben. Dann fängt ein heftiger Regen an und der Körper wird durchnässt. Je nachdem, wie die Zellen des Körpers reagieren (gefühlte, angenehme Abkühlung oder unangenehmes Körperzittern, weil es zu kalt ist), wird das Hirn das registrieren und ganz von selbst beim nächsten Mal versuchen, den Regen auf der Haut zu genießen oder Schutz vor der Kälte zu suchen. Wer ist daran beteiligt? Niemand – nur eine bessere Biokarotte namens "menschlicher Körper" reagiert ganz natürlich. Und all das wird als Gesamtbild gesehen (oder besser: wahrgenommen). Von wem? Lass uns momentan einfach sagen, dass du es bist – du, der du wirklich bist –, mit Hilfe des Körpers und seinen Sinnesorganen.
Blitz und Donner mögen den Körper zusammenzucken und/oder zittern lassen (was wir als Angst interpretieren, die doch nichts anders ist als eine Körperreaktion auf Reize von Außen), sofern beispielsweise die Lautstärke eines Donners das innere System durcheinanderbringt. Aber auch das und die Folgen (beim nächsten Gewitter zittern und in Deckung gehen) sind nichts anderes als Reaktionen des Körpers mit seinem Gehirn. Aus der Erinnerung heraus – natürliche Abläufe also. Nicht anders, als wenn eine Blume ganz natürlich ihre Blätter schließt, wenn die Sonne untergeht. Wo ist hier der Unterschied? Nur weil das menschliche Hirn um ein vielfaches größer und komplexer ist als das einer Pflanze, macht uns das nicht zu etwas anderem als auch ein Teil der Natur – oder ein Teil des Bildes – zu sein.
Wir könnten nun diese Geschichte unendlich ausdehnen, doch eines wird hier schon klar: Da ist niemand (keine selbst handelnde Person) in dem ganzen Bild. Der, der das alles sieht, ist nur EINER: Du. Und du bist in dem Bild gar nicht enthalten! Wer also bist du? Um diese Frage dreht sich die Welt.
Eine Antwort, auch wenn sie momentan nur in Worten angedeutet werden kann und für das Denken schwerst verdaulich ist, ist unglaublich einfach. Im normalen Sprachgebrauch würdest du sofort sagen müssen: "Ich seh das Bild!" Doch was ist "Ich"? Niemand ist in dem Bild enthalten, das "du" siehst! Und wo nun kommt überhaupt die Idee her, dass du als ein menschliches Würstchen, das da selbst handeln könnte, in diesem Gesamtbild mit drin wärest? Du erfährst doch immer das Ganze, quasi als 3D-Bild mit Ton, Geruch und Gefühl! Wie in einem hypermodernen Kino der Zukunft.
Das Wort "Ich" wird zurückgeführt auf das Wort "ego", dann auf (älter) eĝ(h)om und weiter zurück auf das altindische Wort "ahám" und bedeutete im Ursprung: "(meine) Hierheit" [Quelle: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Akademieverlag Berlin, 1989]. Und das ist das, was du in unserem Beispiel bist: die "Hierheit", das "Hier sein". Völlig unpersönlich.
Ist es denn bei dem obigen Beispiel, in dem wir auf das "persönliche" Denken mal ganz verzichtet haben, nicht sofort offensichtlich und glasklar, dass "ich" nicht dieser Körper bin? Er bestenfalls meine "Kamera", mein "Roboter" ist, mit dem die Welt erfahren werden kann – sonst nichts! Und ist es denn nicht sofort ersichtlich, dass "mir" immer ein ganzes Bild erscheint – die ganze Insel, samt Körper, Meer, Wind, Sonne und Sternen; samt Gerüchen, Gehörtem und Gefühltem? Ich bin diese "Hierheit", und nur durch mein "hier sein" kann auch das Bild wahrgenommen werden. Wo wäre das Bild, wenn ich nicht wäre? Deshalb:
"Weil Sie sind, kann alles sein."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
So weit, so gut. Du scheinst also diese unpersönliche "Hierheit", dieses "hier sein" zu sein. Doch nun verlässt du das Bild der Sonneninsel wieder – es war ja nur eine schöne Vorstellung – und kommst zurück ins tägliche Leben. Das ist zwar auch nur ein Gesamtbild, das du – diese "Hierheit" – wahrnimmst, aber du wirst es sicherlich etwas anders empfinden.
Kaum beginnt die nicht so tiefe Schlafphase, wirst du auch schon vom Rasenmäher des Nachbarn aus dem Schlaf gerissen (verschärfte Variante: der Nachbar hat eine Kreissäge). Der nämlich kann morgens nicht mehr schlafen und muss was tun. Was hilft dir jetzt noch die Erkenntnis oder der Glaube, dass du nur die "Hierheit" des gesamten Bildes bist? Klare Antwort: nichts!
Nicht nur das. Der Vermieter will regelmäßig sein Geld, der Magen verlangt nach Essen, das man hier meist kaufen muss, weil es so wenig Sonneninseln gibt, und der Video-Player schreit nach neuen Filmen, die er endlich abspielen will. Auch die wollen erst mal gekauft werden. Was nun?
Du hältst dich normalerweise – schon aus Gewohnheit und Überzeugung – für eine Person: ein selbst denkendes, selbst handelndes und irgendwie ums Überleben kämpfendes Einzelwesen in einer großen, manchmal auch gefährlichen oder feindlichen Welt. Eine Person, die sich zwangsläufig überlegen muss, wie sie den Rasenmäher des Nachbarn für immer zum Schweigen bringen könnte. Und viele ähnliche Geschichten.
Also ist da eine Suche nach einem Ausweg im Gange. Was suchst du anderes als einen Ausweg aus dem Dilemma der täglichen Mühsal?
Meist ist es so, dass, sobald die Suche beginnt, eine langjährige Irrfahrt durchlaufen wird – durch die Gefilde der Esoterik und anderer Verwirrtheiten. Am besten gefällt mir dabei (und ich nehme mich da aus der Vergangenheit heraus gar nicht aus) die irgendwann von praktisch allen Suchenden unisono ausgesprochene Bemerkung, dass es nun Zeit geworden ist, oder es Zeit wird, die (mindestens) 5 Meter breite Bücherwand, voll mit esoterischen und spirituellen Büchern, endlich auszumisten!
Es ist schon erstaunlich. Trotz der unzählig veröffentlichten Bücher über Wunscherfüllung & Co – wobei jeder dieser Autoren ja mehr oder weniger behauptet, er hätte das Ei der Weisen oder den Stein des Kolumbus nun gefunden (was sich dann doch nur als schales Eiweiß oder Käse in Steinform entpuppt) –, ist die Welt immer noch nicht frei von Problemen und Sorgen (die negativen Wünsche). Und wahrscheinlich werden wohl noch tausende weiterer Bücher zum Thema erscheinen, die alle weiterhin das Gefundenhaben des fehlenden Schlüssels zur Wunscherfüllung proklamieren werden. Noch erstaunlicher: Diese Bücher werden auch noch alle gelesen. Dies zeigt uns, wie dringend der Einzelne anscheinend einen Ausweg aus den Geräuschdiktaten von Nachbars Rasenmäher für wünschenswert oder zwingend nötig hält.
"Wenn du sagst, dass es nicht wahr ist, werden Aktionen zu nichts [become zero], oder nicht? Da liegt beispielsweise eine Bombe auf der Straße, aber sie ist nicht explodiert. Sie bringen sie in Sicherheit und entschärfen sie – ‚entfernen' die Sprengkraft. Die explosive Kraft ist der Verstand. Verstehe den Verstand, was er will. Diese Sprengkraft kennt keine Grenzen. Du musst diese Kraft durch Verstehen reduzieren.
Dann wird der Verstand zu deinem Sklaven. Er ist darauf angesetzt,
zu tun, was immer du willst. Aber der Verstand hat dich
in den Griff bekommen."
[Shri Ranjit Maharaj – aus "Illusion vs. Reality"]
Doch kehren wir hier noch einmal zurück zu unserer Sonneninsel. Stell dir vor, eines Tages – du magst jetzt schon ein Halbstarker sein, wohlgenährt mit natürlichen Früchtemüslis – tauchen vom anderen Ende der Insel, die du vielleicht noch nie gesehen hast, Eingeborene mit Speeren und anderen gefährlichen Gegenständen auf. Gut, du hast so etwas in deinem Leben noch nie gesehen – solche Szenen, Gegenstände und auch Handlungen gab es bis dato nicht in dem Bild –, aber nachdem einer der Fremden einen Hasen mit seinem Speer vor deinen Augen getötet und gehäutet hat, wird dir – oder sagen wir momentan, dem sich erinnernden Hirn in dem Bild – klar, dass dieser Körper auch eine Haut hat, die man durchaus abziehen könnte.
Was nun? Der Körper, das Hirn, wird sich vielleicht an andere unangenehme Dinge erinnern – zum Beispiel an eine Verletzung – und ganz natürlich zusammenzucken. Was immer er dann tun wird (Angst erzeugen, starr werden, davonlaufen, oder oder oder …) liegt ganz im Ermessen des Hirns, natürlich abhängig von den bis dahin gemachten Erfahrungen – Erinnerungen also.
Doch was hast du damit zu tun? Du bist und bleibst diese "Hierheit", dieses "hier sein", die/das IMMER das Gesamtbild sieht. Und wenn der Speer schneller auf den Körper zufliegt, als dieser laufen kann, dann gehen eben die Lichter für immer aus. Das Bild ist weg, und dir ist nichts passiert! Wie nachts beim Fernsehen, wenn das Testbild kommt (o. k., das mit dem Testbild war damals).
Hier ist das genauso. Alles ist nur ein Bild. Und eines Tages wird es für immer weg sein. Was also gibt es zu suchen? Und warum suchst du dennoch?
Die Antwort ist einfach, wenn auch schwer zu durchschauen: Du hängst an dem Bild, weil du nichts anderes kennst. Du liebst es geradezu. Du kennst dich nicht (oder hast dich vergessen). Und so glaubst du zwangsläufig, dass, wenn hier die Lichter endgültig ausgehen, wenn der Speer des Todes dich (den Körper) trifft, du nicht mehr sein wirst. Doch ganz tief drin erahnst du vielleicht – und das lässt sich nicht mehr zerdenken –, dass das nicht die "höchste" oder endgültige Wahrheit sein kann, dass es da noch etwas anders gibt. Du hast Recht! Doch der Weg dahin ist nicht einfach. Zumindest, solange der Nachbar noch einen Rasenmäher besitzt.
"Die Welt ist wie eine große Bühnenshow, glitzernd und leer.
Sie existiert, und doch existiert sie nicht.
Sie ist vorhanden, solange ich sie sehen will und an ihr teilnehme.
Verliere ich das Interesse an ihr, löst sie sich auf."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Doch bleiben wir noch ein wenig bei der vorläufigen Darstellung dieser "Hierheit" als dein wahres Sein. Was kann diese Hierheit tun, damit das erschienene Bild schöner, angenehmer, harmonischer oder oder oder … wird? Kann sie etwas tun, damit Nachbars Rasenmäher aus dem Bild endlich verschwindet? Muss diese "Hierheit" – du also – überhaupt etwas verändern oder basiert der Wunsch auf Veränderung nur auf falschen Vorstellungen?
(Alles, was hier geschrieben ist, sind Annäherungen oder Umschreibungen. Das, was du wirklich bist, kann nicht in exakte Worte gefasst werden.)
Die Antwort auf die Frage ist leider nicht so einfach hinzuschreiben. Es ist sowohl so, dass nichts eine Veränderung braucht – alles ist auf einer Ebene in Ordnung, wie es ist, andererseits kann ich jeden fragen, ob er denn gerne eine Veränderung haben möchte, und die Antwort wäre nahezu immer: ja!
Ich erinnere mich gut an folgende Aussage, als ich Sri Nisargadatta Maharaj's "Ich bin" erstmals las:
"Mein Guru sagte mir: 'Vertrauen Sie mir. Ich sage Ihnen,
Sie sind göttlich. Nehmen Sie es an als die absolute Wahrheit.
Ihre Freude, auch Ihr Leiden ist göttlich. Alles kommt von Gott.
Erinnern Sie sich immer daran. Sie sind Gott. Nur Ihr Wille wird
geschehen.' Ich glaubte ihm, und sehr bald realisierte ich,
wie absolut wahr und korrekt seine Worte waren."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Für mich war klar, dass Shri Siddharameshwar Maharaj (Nisargadatta's Guru) diese Worte auch mir hätte sagen können. Und heute kann ich zweifelsfrei sagen, dass diese Aussage korrekt ist. Natürlich darf man sie nicht wörtlich nehmen und mit unseren "normal-verdrehten" Glaubensvorstellungen aus der Kindergartenzeit gleichsetzen. Dennoch: Sie beinhalten mehr Wahrheit als man sich erst einmal vorstellen kann. Doch später mehr dazu.
Sri Nisargadatta Maharaj wurde in den 40 Jahren, in denen er praktisch täglich talks gegeben hat, nie müde, immer wieder darauf hinzuweisen, wohin es gehen muss, was das Ziel der ganzen Suche – und damit der Selbst-Verwirklichung – tatsächlich ist:
"Vertrauen Sie mir und leben Sie in diesem Vertrauen. Ich werde Sie nicht in die Irre führen.
Sie sind die Höchste Realität jenseits der Welt und ihres Schöpfers,
jenseits des Bewusstseins und seines Beobachters,
jenseits aller Behauptungen und Verneinungen.
Erinnern Sie sich daran, denken Sie daran, geben Sie alle Vorstellungen von
Trennung auf,
erkennen Sie sich in allem und handeln Sie dementsprechend.
Mit dem Handeln werden Glückseligkeit und
damit auch Überzeugung kommen."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Solche und ähnliche Aussagen finden wir nicht nur in den modernen Schriften und Lehren, sondern auch in vielen der alten Schriften und hören sie von vielen Weisen. Saint Shri Samartha Ramdas (17. Jahrhundert) drückte es beispielsweise so aus:
"… dass du selbst das höchste Selbst bist, Paramatman."
[Saint Shri Samartha Ramdas – aus "Dasbodh"]
Mich wundert es immer wieder, wie viele der modernen "Lehrer", die sich draußen am "Markt" sich durchaus zunehmender Beliebtheit erfreuen, den Leuten ständig erzählen, dass es sie gar nicht gibt (ich frage mich dabei immer: "Und wer ist es, der sagen kann, mich gibt's nicht?"), oder dass sie nur ein Beobachter wären und dass sie dann quasi auch schon "erleuchtet" sind, wenn sie das "verinnerlicht" haben. Das ist gerade so, als ob man jemandem den Weg beschreibt und dann auf der halben Strecke behauptet, man wäre angekommen. Und zudem die restlichen Wegweiser entfernt. Doch wie sollte auch jemand einen Weg bis zum Ziel beschreiben können, wenn er selbst nach der halben Strecke glaubt, er wäre schon angekommen? "Unter Tausend ist einer, der mich sucht; und unter Tausend, die mich suchen, ist einer, der mich findet!" sagt Krishna (die Verkörperung des höchsten Selbst) in der Bhagavad Gita. Kein Wunder also.
Shri Ranjit Maharaj [ein weiterer verwirklichter Schüler von ‚seiner Heiligkeit', Shri Siddharameshwar Maharaj – er wurde im Alter von 12 Jahren von seinem Meister in das Thema eingeführt und schwieg bis zu seinem 70. Lebensjahr. Erst auf Wunsch von immer mehr Menschen gab er noch 13 Jahre bis zu seinem Tod talks] äußerte sich ziemlich deutlich:
"Du bist so mächtig, aber du hast dich selbst vergessen und bist ein Bettler geworden.
‚Gib mir etwas, gib mir etwas.' Was können die Leute dir geben? Sie geben dir nichts.
Du willst Glück und Zufriedenheit, nicht? Kann dir das irgendwer geben? Niemand kann
es dir geben.
Erkenne dich zuerst selbst. Finde heraus, wer du bist. Wandere auch nicht
herum. Geh nicht zum Himalaya (ein Besucher kam herein und deutete an, dass er
nach
diesem Besuch bei Maharaj zum Himalaya
gehen will). Warum willst du zum Himalaya?
Warum irgendwohin
gehen? Wer bist du, du bist ER. So sagte Ramdas in Dasbodh:
‚Wo du bist, an welchem Ort du dich auch befindest, du bist immer ER.'
Parabrahman ist ER,
und ER ist überall.
Ein Heiliger sagte zu diesem Mann [Ranjit spricht hier von einem
anderen], er solle zum
Himalaya gehen und sich vier Jahre lang in eine Höhle setzen. Danach ging dieser zu
Balsekar, einem anderen Lehrer, und Balsekar erzählte ihm, dass er vier Jahre seines
Lebens vergeudet hätte. Doch Balsekar sagte ihm in diesem Moment nicht, dass er
ER
ist [‚You are He']. Das ist der Unterschied zwischen uns …"
[Shri Ranjit Maharaj – aus "Illusion vs. Reality"]
Auf der richtigen Fahrkarte zur Selbst-Verwirklichung steht definitiv so etwas wie: "Du bist die höchste Realität. Erkenne und verwirkliche dich als das!" Wenn das nicht aufgedruckt ist, bringt sie dich nie und nimmer ans Ziel.
Es gibt einen guten Grund für diese weit verbreitete Missachtung der Beschreibung der Wegstrecke. Auf dem Weg vom "Diesseits" ins "Jenseits" (lassen wir mal so einfache Worte hier stehen) gibt es eine schwer zu fassende "Erleuchtungsfalle". Die Alten und Weisen warnten immer wieder davor – man muss sie kennen. Wir werden uns das zu einem späteren Zeitpunkt genauer anschauen.
"… es besteht ein ebenso großer Unterschied zwischen Selbst-Erkenntnis,
oder ‚Ich Bin' (Jnana) und dem Absoluten (Vijnana, Parabrahman),
wie der Unterschied zwischen Dunkelheit und Licht."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Nun, nachdem klar ausgesprochen ist, wo's hingehen soll, stellt sich sicherlich die Frage, wie man das Ziel erreichen kann?
Ich habe nun über viele Jahre Besucher hier gehabt und beraten, und die Erfahrung hat gezeigt, dass ein wirkliches Vorwärtskommen nicht möglich ist, wenn das beschriebene Ziel nicht verstanden wurde (soweit es verstehbar ist) und man es sich nicht wirklich wünscht. Viele, die da kamen, wollten nur, dass der Nachbar einen leiseren Rasenmäher bekommt, dass der Ehepartner freundlicher wird, oder dass sich endlich der Traum nach der großen Liebe erfüllt. Das Persönchen wollte also eine kleine Wohlfühlspritze bekommen. Doch das hat mit der Selbst-Verwirklichung nichts zu tun. Selbstverständlich kann es dabei passieren, dass sich nach solchen Gesprächen, nach Vorträgen oder Studien etwas ändert – wenn Erkenntnisse auf dem Weg geschehen, tun die sicherlich nicht schlecht –, doch darum geht es nicht, wie wir gesehen haben.
Warum, so muss ich fragen, kann ich nicht einfach diese "Hierheit" (das Selbst) sein – völlig zufrieden in mir selbst ruhend –, sondern scheine weiterhin als Person vom Leben hin- und her gerissen zu werden? Noch dazu, da ich doch diese "höchste Realität" sein soll?
Nun, die Ideen, eine Person zu sein, die Welt als echt anstatt als vorübergehend und damit irgendwie als unwirklich anzusehen usw. ist so tief in uns verankert, dass es äußerst schwer ist, diese falschen Ideen loslassen zu können. Nicht nur das, denn ALLES – wirklich ALLES –, was ich weiß, basiert auf diesen falschen Ideen. Und das führt uns zu der vielleicht überraschenden Erkenntnis, dass ich ALLES loslassen müsste, was ich kenne. Aber wie sollte das gehen? Der Verstand – dieses kleine Schweinchen – lässt ja so gut wie nie was freiwillig los, wenn er nicht dafür eine andere, für ihn akzeptable Erklärung bekommt. Doch das Selbst kann man nicht erklären!
Der vielleicht gangbarste Weg – sicherlich nicht für alle – scheint mir der zu sein, den der Veda in Form der ursprünglichen Lehre der Advaita Vedanta – der Lehre der Nicht-Dualität – bereit hält (doch nicht das, was heutzutage vielerorts für Advaita Vedanta gehalten wird). Er wurde seit vielen Jahrhunderten gelehrt und ist gut nachvollziehbar. Vorausgesetzt natürlich, man will sein Selbst wirklich "finden" (erkennen, verwirklichen) und ist nicht nur darauf erpicht, die ersehnte persönliche Wohlfühlspritze zu erhaschen.
Es ist leicht, zu sagen, "Natürlich will ich wissen, wer ich wirklich bin!", doch hier ist viel gefordert. Es wird berichtet, dass ein Mann zu Buddha kam und wissen wollte, wie er Gott (das Selbst) finden könnte. Da packte ihn Buddha und hielt seinen Kopf unter Wasser, bis er fast erstickte. Nachdem ihn Buddha wieder aus dem Wasser zog und der wie verrückt nach Luft rang, sagte Buddha: "Wenn du so nach Gott suchst, wie du jetzt um Luft ringst, wirst du ihn bestimmt finden!"
Ein anderes Beispiel ist Shri Siddharameshwar Maharaj. Sein Meister kannte nur den langen, alten Weg der Meditation, und so setzte sich Shri Siddharameshwar Maharaj eines Tages hin und meditierte neun Monate in einem Stück, bis er das Selbst verwirklichte. Er meinte, er wolle das Selbst verwirklichen oder sterben. Auch Sri Nisargadatta Maharaj sagte etwas ähnliches (die Worte seines Meisters verwirklichen oder sterben). Diese Beispiele zeigen, was hier wirklich gefordert ist.
Und das ist klar. Denn die Welt ist nichts anderes als ein Traum oder zumindest traumähnlich; ein Trugbild, wie die Alten sagten. Ebenso die Person, die ich glaube zu sein. Sie ist nichts anderes als (m)ein ebenfalls erdachtes Trugbild. Solange ich auch nur den kleinsten Wunsch habe, dass innerhalb dieses Traums etwas "für mich" – die vermeintliche Person – geschehen soll, bin ich an den Traum gebunden und kann ihn nie und nimmer durchschauen und dabei mein Selbst erkennen oder verwirklichen. Völlige (innere) Aufgabe des Traums – und damit des Lebens kann man sagen – ist nötig, bevor das Selbst erfasst werden kann.
Keine leichte Aufgabe, die man mal so eben nebenbei bewältigen könnte. Lass dir folgendes Zitat mal in aller Ruhe auf der Zunge zergehen und versuche zu verstehen, was da alles dahinter steckt, wie weit das gehen muss:
"Erkennen Sie Ihre Welt als einen Traum und vergessen Sie sie."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Ein kleines Kind spielt im Sandkasten. Es baut begeistert eine Sandburg und ist voll und ganz davon eingenommen. Es nimmt das Spiel ernst und nichts könnte es davon abbringen. Wenn andere Kinder die Burg zerstören oder zerstören wollen, weint es oder wehrt sich dagegen. Dann kommt seine Mama und will mit ihm nach Hause gehen. Doch das Kind ist in dem Spiel versunken und will absolut nicht loslassen und mitgehen. Es protestiert. Anders sieht es beispielsweise jedoch aus, wenn Mama dem Kind ein großes, süßes Eis verspricht, wenn es zu spielen aufhört und mitkommt. Wenn die Vorstellung von einem großen, süßen Eis die entsprechende Wirkung zeigt, dann vergisst das Kind das Sandkastenspiel sofort, geht mit Mama nach Hause und freut sich auf sein Eis.
Bezüglich der Selbst-Verwirklichung ist das im Prinzip nichts anderes. Dein Leben ist nichts anderes als ein kleines Sandkastenspiel, das du gerade (viel zu) ernst nimmst. Du süchtelst im Grunde den ganzen Tag ohne Ende nach weltlichen Freuden und musst dir dennoch die ganze Zeit überlegen, wie du die Zerstörungslust "der anderen" von dir fernhalten und Nachbarns Rasenmäher den Garaus machen kannst.
Es wäre so einfach, das Spiel loszulassen, würde man dir das "süße Eis" anstatt – das höchste Selbst, deine wahre Natur – zeigen können. Doch das ist der Haken daran: es kann nicht gezeigt oder bewiesen werden. Du musst erst hören, dann glauben, dann den Weg selbst gehen. Das "süße Eis" – im Selbst zu verweilen – zeigt sich erst, wenn du es erreicht hast.
"Wenn man voll in der ‚Herrlichkeit [glory] des höchsten Selbsts', Paramatman, absorbiert ist, wird das Individuum (Jiva) zu Gott (Shiva). Man muss den Stolz für den Körper aufgeben,
nur dann wird man zu Paramatman. Wenn jemand auf seinen physischen Körper stolz ist,
wird Shiva zu Jiva. Das wird Rückschritt oder Untergang genannt.
Der Unterschied ist gering,
aber von enormer Wichtigkeit. Man sollte den Wunsch nach öffentlicher Anerkennung aufgeben. Es gibt nichts, was jemand nicht erreichen könnte. Anstrengung in spiritueller Praxis muss unternommen werden, aber es muss die richtige ‚Anstrengung' sein. Nur dann wird man zum ‚alles durchdringenden Gott'
(Narayana). Du bist der Besitzer der Welt. Mit Abstieg ist gemeint,
dass du zurückfällst. Mit ein wenig Einsicht wirst du zum Besitzer
der Welt, du wirst glücklich, und du erhältst alle spirituellen Kräfte."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Du kämpfst in der Welt und weißt nicht, dass du ihr "Besitzer" bist. Diese "Hierheit", das "hier sein", dem, dem das ganze Bild erscheint, ist – einfach ausgedrückt – das wahre "Ich" – ist Paramatman oder "Gott", auch wenn dir das im Moment noch nicht einleuchten will.
Du kannst alles haben, aber du klammerst dich an die falsche Idee, dieses leidende Würstchen zu sein. Du glaubst dich in der Welt, gefangen in deinem kurzen, weltlichen Leben. Niemand kann dir die Tür des Ausgangs öffnen – das musst du selber tun. Denn wir alle – auch diese Worte hier – erscheinen in diesem Lebens-Traum, den du gerade träumst. Es ist dein Traum, und was immer geschieht, geschieht in dir. Würdest du das zu 100 % annehmen können, wärest du in einer Sekunde frei. Es ist nur der Verstand – im Wesentlichen das gewohnte "Falsch-Denken" – das dies verhindert. Also brauchen wir einen Weg, der dich wenigstens schrittweise hinausführt.
Dennoch: Solange du – am Anfang erstmal innerlich – nicht bereit bist, das weltliche, persönliche Leben aufzugeben, wird's garantiert nichts mit der Verwirklichung. "Gott" ist alles, der interessiert sich nicht für die kleinen Dinge, die dir Persönchen da noch so wichtig sind. Entweder willst du der unsterbliche "Gott" werden (das höchste Selbst) oder du bleibst ein sterbliches Würstchen. Im Grunde bist du ja schon dieser "Gott", aber was hilft dir das? Deine vorgestellte (imaginierte) Idee, eine Person zu sein, lässt dich sterben und wieder – in endloser Folge erneut leidend – auferstehen.
"Im Traumzustand gibt es ein Wesen, das träumt, das jemand anderes ist, als der Charakter im Traum. Der Traum kommt und geht, der
Traumzustand kommt und geht, und auch der Wachzustand kommt und geht. Das Wissen der Dinge kommt und geht, und das Wissen selbst kommt und geht. Alles kommt und vergeht wieder, dennoch bleibst du bestehen. Das, was unveränderbar und ewig ist, bist ‚Du'.
Du bist der Zeuge all dieser Zustände. Jeder Geschmack der kommt, wird mit Sicherheit wieder verschwinden. Jede genossene Freude ist wieder verschwunden. Du magst alles verstehen, aber das, was du
verstanden hast, wird nicht bleiben. Es ist alles eine Illusion
und deshalb sterblich."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Nun möchte ich etwas behandeln, das genau genommen die Grundvoraussetzung für jegliches "Finden" oder jegliche Erkenntnis überhaupt ist: "devotion to the guru" (Hingabe an den Guru).
Ja ja, ich versteh schon, ich wollt's auch nicht hören und wäre damals auf dem Absatz umgedreht, hätte mir damals jemand diese Worte an den Kopf geworfen. Solche Vorstellungen gelten, besonders hier im Westen, als veraltet und dem heutigen Stil zufolge als nicht akzeptabel. Doch heute weiß ich, dass es gerne völlig falsch aufgefasst wird. Ohne diese (wahre) "devotion" hätte es bei mir – und auch bei niemanden anderem – überhaupt zur Selbst-Erkenntnis kommen können. Ich will versuchen zu erklären, was dahinter steckt.
Auch wenn es dir im Moment vielleicht noch nicht klar ist, macht der Verstand im Prinzip nichts anderes, als deine Vorstellungen oder Wünsche zu verwirklichen (wenn's denn am Ende wirklich deine sind; wir werden sehen), d. h. er erschafft, gestaltet und verändert die Welt, die dir erscheint, nach deinen Vorstellungen. Ist auch kein Problem, ein Traum- oder Trugbild kann man auch leicht ändern (zumindest wenn man weiß, wie).
Dass die Ergebnisse nicht so sind, wie du glaubst, dass sie sein müssten, liegt weniger daran, dass meine Erklärungen hier nun ganz falsch sind (denk mal an "Bittet und euch wird gegeben!" und andere coole Sprüche), sondern eher daran, dass du ein wenig verwirrt bist über das, was du bist und so andauernd – schneller als du "schauen" kannst – deine Vorstellungen wieder vernichtest, bzw. unfreiwillig modifizierst. Manchmal, wenn du einen Wunsch, wie früher als Kind, in voller kindlicher Überzeugung beispielsweise an den "Weihnachtsmann" übergibst, erfüllt er sich auch. Du hast ihn dann einfach vergessen und damit in Ruhe gelassen ("erledigt ja ER für mich"). Gut, das funktionierte am Besten, als du noch ein süßer kleiner Fratz warst, den Mama und Papa so liebten, doch mit Eintritt des Flegelalters und deinem inzwischen herangewachsenen Zerdenkvermögen dürfte auch das nachgelassen haben.
Wie auch immer, wenn du also Vorstellungen hegst, dass es dir besser gehen soll, du die große Liebe endlich findest oder mehr Geld bekommst, so wird der Verstand es erschaffen. Aber er reagiert mehr rein mechanisch auf all das. Als vermeintliche Person erdenkst du dir natürlich – ob du willst oder nicht – die Hinderungsgründe für eine relativ stabile Nichterfüllung gleich hinzu ("Ich muss es mir doch verdienen, also erst mal arbeiten", "Wo soll denn die große Liebe zu finden sein? Die gibt's ja gar nicht!" oder "Nachbarn haben nun mal Rasenmäher!" – das Ergebnis, das du erhältst ist klar, oder?)
"Das weltliche Leben existiert, weil du es so sagst. Du denkst dir
das so aus.
Es wird nur durch deine Vorstellungen wirklich.
Wenn du sagst:
‚Ich habe es fallen gelassen', dann ist das weltliche
Leben und jede Bindung weg,
vollständig vernichtet.
Der Verstand ist die Quelle des weltlichen Lebens,
genauso wie des spirituellen Lebens."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Was wirst du dir wünschen, was wirst du dir vorstellen? Am Anfang der Suche sicherlich, dass es dir – der vermeintlichen Person – besser geht, dass du erfolgreich wirst, und und und … Und dazu natürlich all die entsprechenden Hinderungsgründe. Doch mit der Zeit wirst du vielleicht weiser und es wird dir klar, dass die vielen Versprechungen der Halb-Weisen und Pseudo-Wissenden nicht wirklich dahin führen, wohin du wolltest (denk an dein Bücherregal!). Zwangsläufig wird deine Vorstellung über das Leben und seine Erfüllung ein wenig besser oder sagen wir mal: (hoffentlich) weiser.
Mit Guru nun ist nicht zwangsläufig eine Person, ein Weiser oder Heiliger gemeint (obwohl es meist darauf hinausläuft, dass es ein Mensch ist), sondern es ist das gemeint, das die "spirituelle Dunkelheit" vertreibt. Genau genommen – oder weiter ausgeholt – erschafft der Verstand die Bedingungen, lässt also das vor deinen Augen erscheinen, was deinen Vorstellungen entspricht. Je "klüger" du also im Umgang mit deinen Vorstellungen wirst, desto näher rückst du an die letzte Erkenntnis heran – meist in Form von besseren oder mit höherem Wahrheitsgehalt gefüllten Büchern, oder besseren "Meistern". Solltest du allerdings mehr an deinem weltlichen Leben festhängen, kommt höchstens ein neuer Kasperle, der dich noch weiter in die Irre führen wird.
Es muss klar verstanden werden: Das, was vor dir erscheint, ist im Grunde das, was du erwartest – ob dir das nun bewusst ist, oder nicht. Wenn nun der Wunsch nach Selbst-Verwirklichung alle anderen – weltlichen – Wünsche "verbrannt" hat und nur noch dieser Wunsch übrig bleibt, dann wird das Selbst sich am Ende in Form eines wahren Meisters (oder was auch immer) offenbaren und dich schnell zum Ziel bringen. Es wird meist ein Meister (ein Mensch) sein, doch es könnte genauso gut der Dackel des Nachbarn sein – noch seltener: der Rasenmäher des Nachbarn. Es spielt keine Rolle.
In Indien wurde von einem christlichen Mönch berichtet, der bei seiner brennenden Suche nach Gott (Selbst), im Gebet versunken über einen Stein stolperte, sich das Bein brach und dabei "Gott schaute". Sein letzter Guru war also weder ein Mensch, noch ein Dackel, auch kein Rasenmäher, sondern ein simpler Stein.
Devotion (Hingabe) bedeutet in diesem Zusammenhang nun, dass keinerlei Zweifel über den "Wahrheitsgehalt" des Erlebten oder Erfahrenen mehr herrscht. Wenn voll und ganz erkannt wurde, dass das, was ich erfahre (erlebe), von "meinem Verstand" erschaffen und mir präsentiert wird, damit ich erkenne, dann ist jeder Verstandeszweifel wie weggewischt und diese merkwürdige und mit dem Verstand nicht erfassbare höchste Wahrheit offenbart sich schnell.
Ich erinnere mich, dass ich damals unglaublich viel die alten Schriften gelesen und studiert habe (über mehr als zwei Jahre habe ich Tag und Nacht nichts anderes gemacht, sieben Tage die Woche). Doch jedes Mal, wenn ich – für mich unbemerkt – an die Wahrheit in irgendeiner Form näher herangekommen bin (vor allem natürlich, dass das "Ich" sich auflösen muss etc.), machte ich einen großen Rückschritt und dachte nur: "Das glaub ich nicht, das muss ich falsch verstanden haben, schauen wir lieber mal bei einer anderen Richtung nach!" Bis ich bei Sri Nisargadatta Maharaj's "Ich bin" landete. Ich schlug auf, las und … es war vorbei. Ich konnte nicht mehr anders, als tief in mir zu verstehen, dass ich da die ganze Wahrheit vor mir liegen habe. Nicht, dass ich alles auf Anhieb hätte verstehen können, dennoch kam nur noch "das ist die Wahrheit, auch wenn ich es noch nicht ganz verstehe" in den Sinn. Zweifel irgendwelcher Art sind bis heute nicht wirklich aufgekommen. Sie waren und sind zu 100 % weggewischt. Ich hab's mir nicht ausgesucht, es geschah einfach so.
Und das ist die wahre "devotion to the guru". Man kann sich das nicht aussuchen oder gewollt beschleunigen. Doch wenn sie geschieht, geschieht ein Wunder. Im Grunde ist es so, und es mag vielleicht komisch klingen, dass diese gesamte Suche eines jeden Suchenden nichts anderes ist als der Versuch, "devotion to the guru" zu erreichen. Denn diese ist nichts anderes, als das Erkennen, dass ALLES von mir (der ich bin) "irgendwie" erschaffen wird. Es ist die VÖLLIGE Hingabe an sich selbst, an sein EIGENES SELBST und die vollständige Loslösung vom falsch verstandenen Ego! Lass entfalten, was sich entfaltet und versteh nur, dass du es (S)selbst bist!
Solange ich und das Selbst als "zwei" angesehen werden (bzw. angesehen werden müssen, und das bleibt, bis das dämliche "selbst denken müssen" endlich aufhört), kann ich mich (S)selbst nicht erkennen.
Im Grunde ist also jeder "Guru" – oder alles, was erscheint – erst mal der/das Richtige. Doch sollte man dabei "klüger" werden, bis keiner mehr gebraucht wird. Schließlich ist die ganze Welt – und damit auch jeder "Guru" – auch nur der Ausdruck des Selbsts in Form einer projizierten Illusion. Als Shri Ranjit Maharaj einmal gefragt wurde, ob er (als Meister oder Guru) dann nicht auch eine Illusion wäre, sagte er lächelnd, er wäre "Illusion de luxe".
"Es ist selten, dass jemand auf den Pfad der Befreiung kommt.
Ohne wahre ‚Hingabe an Gott' kommt man nicht frei, auch nicht,
wenn
man Wissen hat. Die größte Hingabe ist die ‚Hingabe an den Guru'.
Die devotees [Anhänger] des Gurus erkennen ihre Schwierigkeiten
als Möglichkeiten.
Die Illusion ist wirklich sehr seltsam und eindrucksvoll. …
Jene, die verstanden haben, dass der Guru Paramatman [die höchste Realität] selbst ist,
sind in der Lage, sich sehr leicht über die Illusion zu erheben.
Was ist das Heilmittel bezüglich der Illusion?
Nur jene, deren Intellekt klar ist und die erkannt haben,
dass die Illusion [die Welt] und Brahman [Bewusstsein, Gott] in der Weise unterschiedlich sind, als ob man in einen Spiegel schaut, können das Heilmittel beschreiben. Für solche Leute ist das Überqueren der Illusion so leicht,
als ob sie auf einem Fußweg spazieren gehen. Um das zu erreichen, muss die Anziehung (Attraktion) der Sinneswahrnehmungen
vollständig weg sein."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Heute können wir Bücher ohne Ende kaufen und uns überall und ständig Satsangs (viel Geplapper um "Nichts") im Dutzend reinziehen. Mit Hilfe der heutigen Kommunikationstechniken (z. B. Internetvideos) geht das sogar noch schamloser: In der zerfetzten Jogginghose und mit fettigen – von Kartoffelchips verschmierten – Greiferchen. Das war mal anders, damals, als Handy, Internet und moderner Buchdruck noch nicht erfunden waren. Man brütete oft jahrelang an einem einzigen Text oder Buch – man hatte ja nichts anderes. Und diese Texte waren meist auch noch sehr gewissenhaft ausgearbeitet. Zudem hielten sich die meisten Autoren an die alten Überlieferungen früherer "Heiligen" und Weisen.
Nur erlerntes Wissen um/über die Selbst-Erkenntnis, aber auch die Selbst-Erkenntnis selbst machen noch lange keinen Selbst-Verwirklichten. Selbst-Erkenntnis, das Erkennen "wer ich wirklich bin" also, ist nur der Anfang. Wobei es in der Praxis umgekehrt ist: Wenn ich voll und ganz erkannt habe, was ich alles nicht bin, bleibt DAS übrig.
"Sogar einem Papagei kann beigebracht werden, die Worte ‚Brahman ist Wahrheit,
die Welt ist nur eine Erscheinung' auszusprechen. Doch kann man nicht sagen,
dass ein Papagei damit die Wahrheit Brahmans –
oder was die Welt ist – verstanden hätte,
oder was eine Aussage
‚in Wahrheit' ist. Wo das Verstehen nicht vorhanden ist,
gibt es
auch keine ‚Glückseligkeit [bliss] der Selbst-Erkenntnis.'"
"Man sollte zuerst wissen ‚Wer bin ich?'.
Das ist einfach."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Obwohl Erkennen geschehen ist, die Suche nach mir definitiv und endgültig zu Ende ist, ist der Verstand (bzw. das vermeintlich persönliche Ego) weiterhin so überaus mächtig, dass an diesem Punkt überhaupt erst mal begonnen werden kann, in Richtung Selbst-Verwirklichung voranzuschreiten. Das aber ist ein Prozess, der sich über viele Jahre erstreckt, bei dem es in Wahrheit (fast) kein Ende gibt, denn – und das kann ich definitiv aus eigener Erfahrung über die Jahre bestätigen: Je mehr man von sich s(S)elbst entdeckt, desto mehr bleibt noch zu entdecken. Und das verliert nie an "Spannung", oder besser: es bleibt "spannend". Dieser Prozess erfordert keine – oft phasenweise quälende – Suche mehr, dennoch ist eine ständige Wachsamkeit und eine ununterbrochene (nennen wir es mal so) intensive "Hingabe" an das höchste Selbst – zwingend. Nicht umsonst heißt ein Kapitel bei Shri Siddharameshwar Maharaj: "devotion and devotion after liberation" (Hingabe und Hingabe nach der Befreiung).
Es gibt einen Witz: Ein Priester, ein Pastor und ein Rabi unterhalten sich, wann denn das Leben beginnt? Der Priester meint: bei der Empfängnis, der Pastor: bei der Geburt. Beide schauen auf den Rabi, der nun meint: Läben beginnt, wenn Kinder aus dem Haus und Hund tot.
So ähnlich ist es auch hier: Das "wahre Leben" beginnt, wenn Selbst-Erkenntnis geschehen ist und die Selbst-Verwirklichung heranreift. Was das bedeutet, lässt sich nicht beschreiben. Unter meinen "Schülern" höre ich öfter mit einem hellen Strahlen und Staunen im Gesicht: "Alles hätte ich gedacht oder erwartet, aber bestimmt nicht das … das kann man sich vorher nicht mal ansatzweise vorstellen!"
"Ihr Menschen wisst nicht, was Ihr dadurch versäumt,
dass Ihr Euer wahres Selbst nicht kennt."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Nichtsdestotrotz, Selbst-Erkenntnis und Selbst-Verwirklichung sind an sich schon fast zwei paar Stiefel, dennoch ist das nicht das höchste oder letzte Ziel, sondern: "liberation" (Befreiung, Erlösung). Doch es ist unmöglich, an dieser Stelle hier eine verstehbare oder korrekte Erklärung hinzuschreiben. Das letzte und wahre "Geheimnis" bleibt denen vorbehalten, die das Selbst verwirklicht haben. Nicht, dass ich es jemanden vorenthalten wollte – es kann einfach in Worten nicht vorher beschrieben werden.
" ‚… meinen devotees [Anhänger der höchsten Realität] gebe ich
Befreiung, auch wenn sie das weltliche Leben genießen. Ich gebe
meinem devotee was immer er sich wünscht und befreie ihn auch
von seiner Bindung.' … sagte Krishna, seine eigene Identifikation
als Krishna vergessend …"
"Jene, die meine devotees [Anhänger der höchsten Realität,
paramatman] sind,
haben keine Bindung irgend welcher Art.
Nicht
eine einzige Handlung kann meine devotees binden.
Das ist das
große Geheimnis. Dieses Gespräch ist privat und geheim.
Es ist ein ‚Herz-zu-Herz'-Gespräch zwischen Paramatman und seinem devotee.
Nur ein wahrer devotee und Paramatman können es verstehen und sonst niemand.
Dieses Wissen, das zur Befreiung führt, kommt von alleine zu jemanden,
der wirklich frei sein will."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Wenn wir also die bislang besprochenen Fakten zusammenfügen, so wird klar, dass es erst einmal darum geht, vom momentanen Standpunkt aus – nämlich ich bin eine Person, ein Körper usw. – eine Untersuchung zu starten, ob denn die für mich für so selbstverständlich gehaltenen Fakten überhaupt stimmen? Hier bietet die Advaita Vedanta eine schrittweise Hinführung an, die relativ gut nachvollziehbar ist.
Die grundlegende Frage lautet ja: "Wer bin ich?" Und für den Moment muss ich mir als Sucher eingestehen, dass ich nicht anders kann, als zu glauben, dass ich eine Person und damit auch der Körper bin. Zu glauben, man wäre eine Seele, macht es übrigens auch nicht besser. Ich habe schon einige derer, die zu mir kamen, gefragt, ob sie – wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst sind – tatsächlich sagen können, sie wären nicht der Körper, nicht die Person? Es war niemand dabei, der letztlich nicht zugegeben hätte, dass trotz allem Studiums zuvor, die Idee, oder das Gefühl, der Körper und/oder die Person zu sein, tatsächlich noch in einem vorherrschte. Man möchte es gern glauben, aber es ist sehr schwer, es tatsächlich nicht mehr für bare Münze zu nehmen. Die täglichen Erlebnisse scheinen ja geradezu stündlich zu beweisen, der Körper zu sein. Kein Wunder, denn:
"Wenn Sie vom ‚Ich-bin-der-Körper'-Virus infiziert worden sind, dann entsteht ein
komplettes Universum. Doch wenn Sie davon genug haben, dann entwickeln Sie
phantastische Vorstellungen von Befreiung und stürzen sich in völlig sinnlose
Handlungen.
Sie konzentrieren sich, Sie meditieren, Sie quälen Körper und Geist,
Sie tun alle möglichen
Dinge, die nicht notwendig sind, und dabei verpassen
Sie das
Wesentliche,
die Eliminierung der Person."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Wer kann wirklich von sich (und vor allem: zu sich) sagen, dass er die Idee der Person eliminiert (= völlig ausgeschaltet) hat? Doch das muss in Worten und Taten zu 100 % und ohne jeglichen Zweifel geschehen sein, bevor an ein Weiterkommen ins "Jenseits" überhaupt zu denken ist.
Die Advaita Vedanta sagt nun, dass das (unerklärliche) Selbst von vier "Körpern" umhüllt ist, die wir normalerweise für das "Ich" halten. Alle vier – einer nach dem anderen – müssen erkannt und als "Nicht-Ich" durchschaut/durchdrungen werden, bevor das wahre "Ich" (das Selbst) zum Vorschein kommen kann. Solange der erste "Körper" nicht völlig als "Nicht-Ich" durchschaut wurde, ist es nicht möglich, den zweiten zu durchschauen, gar überhaupt zu verstehen usw. Ich würde es vorziehen, diese "Körper" eher als Ebenen, Stufen, Hüllen oder als Zustände zu bezeichnen, doch letztlich spielt das keine Rolle, da es sich sowieso mehr um eine Umschreibung oder für den Verstand nachvollziehbare schrittweise Hinführung an die höchste Erkenntnis handelt.
Was hierbei (zumindest für mich) am erstaunlichsten ist, ist, dass ich zum Zeitpunkt der Selbst-Erkenntnis diese Vier-Körper-Darstellung nicht kannte, und dennoch: die Selbst-Erkenntnis erfolgte genau in der von der Advaita Vedanta gegebenen Reihenfolge. Ich kann es nur bestätigen: Einer nach dem anderen dieser "Körper" (Stufen, Zustände oder Ebenen) muss vollständig verstanden und als "Nicht-Ich" erkannt und durchschaut worden sein, bevor der nächste überhaupt "verstanden" werden kann (die ersten beiden "Körper" mögen dabei noch eine gewisse Einheit bilden).
Während der erste und der zweite "Körper" noch zum "Diesseits" gehören und die erklärten Zusammenhänge hierzu aus der eigenen täglichen Erfahrung relativ leicht verständlich oder die Erklärungen noch leicht nachvollziehbar sind, erreicht man bereits am Ende der zweiten Stufe (des zweiten "Körpers") den Übergang zum "Jenseits". Und von da an stimmt sowieso kein Wort mehr genau. Hier befinden wir uns bereits außerhalb der Kapazität des menschlichen Denkapparates, wo Intelligenz und "Wissen" nur noch bedingt hilfreich sind, ja manchmal sich sogar als hinderlich herausstellen können. Ab der dritten Stufe oder dem dritten "Körper" braucht es normalerweise eine gute Führung eines Meisters, der diese Stufen tatsächlich durchlaufen und "gemeistert" hat. Noch so schönes Gerede und Charisma helfen hier nichts mehr.
Die vier "Körper" sind:
1 der physische Körper (hier ist das Wort Körper noch sehr zutreffend)
2 der subtile Körper
3 der kausale Körper
4 der große kausale Körper (der Turya- oder "Ich bin"-Zustand)
Ein wenig verwirrender sind die Beschreibungen über den letzten Zustand oder die letzten Zustände: Brahman (reines Bewusstsein oder "allmächtiger Gott") und Paramatman (das höchste Selbst, die höchste Realität). Es wird manchmal gesagt, man wäre das höchste Selbst (Paramatman oder Parabrahman), manchmal, man wäre Brahman; gelegentlich wird auch davon gesprochen, man wäre Paramatman mit der Qualität Brahmans. Ich werde später an geeigneter Stelle darauf eingehen.
Sind alle diese Hüllen durchschaut und lässt man alles Weltliche und auch Brahman hinter sich, so erreicht man am Ende Para-brahman (para=jenseits von; Brahman=Bewusstsein) oder Param-atman (das höchstes Selbst, die höchste Realität). Beim Turya-Zustand wird vom "Atman" – dem Selbst – gesprochen, dennoch ist hier noch Dualität vorhanden; Param-atman – jenseits des Selbsts – ist das nicht mehr dualistische "höchste Selbst". Man sagt, wer in Paramatman eintritt, kehrt nicht mehr zurück.
"Wir sind nur DAS, nicht irgendetwas anderes.
Wenn du einen Hund küsst, küsst du nur Brahman.
Der Hund ist ebenfalls Brahman."
[Shri Siddharameshwar Maharaj – aus "Master of Self-Realization"]
Um das wahre "Ich" also zu finden oder zu erkennen, müssen die genannten vier "Körper" untersucht werden und es muss herausgefunden werden, wo denn darin – in jedem davon – das "Ich" sich versteckt hält oder versteckt halten könnte, bzw. ob es darin überhaupt zu finden ist.
Die Antwort vorweg: Man wird in keinem der vier "Körper" ein "Ich" finden. Das wahre "Ich" (Paramatman oder Parabrahman) existiert jenseits aller Beschreibungen und "Körper".
Auch kann man am Ende unmöglich sagen, dass es kein "Ich" gäbe. Das jedoch ist derzeit eine unglaublich verbreitete Aussage, die meist wörtlich genommen wird und große Verwirrung stiftet – doch: ohne "Ich" [= "hier sein"] gibt es keine Welt, die wahrgenommen werden könnte. Paramatman ("Ich", das höchste Selbst) ist alles und ist ungeteilt, und damit kann "Ich" nicht davon ausgeschlossen werden. Wenn es "mich" nicht gäbe, könnte es auch keine Welt geben, die wahrgenommen werden kann. Und dass die Welt existiert – ob echt oder als Illusion spielt hier keine Rolle – ist ja offensichtlich.
"Ich bin überall und nichts anderes existiert!"
[Shri Ranjit Maharaj – aus "Illusion vs. Reality"]
Dieses verbreitete Verwirrspiel mit dem "mich gibt's gar nicht" oder "ich bin nicht" ist schon lustig (und ein nicht unwesentlicher Teil dieser "Erleuchtungsfalle"). Das ist wie mit einer Fata Morgana. Natürlich gibt es eine Fata Morgana. Als das, was sie ist – eine Luftspiegelung – ist sie selbstverständlich da. Sie ist eben nur nicht das, was man vielleicht glaubte, das es ist (Wasser beispielsweise). Und so ist das "Ich" einfach nur nicht das, was man bis dahin glaubte, das es ist.
Die Ausdrucksweise "mich gibt's nicht" macht – so hingestellt – auch auf der weltlichen Basis keinen allzu großen Sinn. Ich möchte mal diese Knalltüten sehen, wenn sie auf ein Bier etc. eingeladen werden, ob sie dann wirklich sagen würden: "Nein danke, weil: Mich gibt's ja gar nicht!"
"Seine Möglichkeiten [der Verstand] zu erklären sind so vielfältig,
dass er sich selbst aus der Existenz hinauserklären kann. Sein
Selbstvertrauen kommt aus seinem Vertrauen in die Logik."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Zum besseren Verständnis: Wenn man die Idee "mich gibt's nicht!" oder "ich existiere nicht!" benutzt, so sollte man sich im Klaren sein, dass diese Ausdrucksweise nur eine Hindeutung auf etwas ist, und sie nicht wörtlich nehmen. Korrekterweise müsste man – so wie Sri Ranjit Maharaj es getan hat – dann sagen: "Ich existiere nicht [als Person], aber ich bin ER [/ES]". Gemeint ist damit, dass ich nicht als Person oder Wesen in einer Welt existiere, sondern das (höchste Selbst, die höchste Realität) bin und die Welt in mir existiert. Die Idee, "Ich existiere nicht!" kann hilfreich sein, den Verstand daraufhin zu trainieren, zu glauben aufzuhören, man wäre eine Person – ein selbst handelndes Einzelwesen – in einer Welt.
Nun gut. Als erstes untersuchen wir den physischen Körper, um herauszufinden, ob denn da ein "Ich" darin enthalten ist, oder ob "Ich" dieser Körper sein kann?
Hier ist es noch sehr einfach, sofort klar zu machen, dass dort kein "Ich" zu finden ist. Denn alleine im Sprachgebrauch finden wir schon (fast) die Antwort. Wenn man dir einen Zahn zieht, würdest du dann sagen: "Man hat mich gezogen? Man hat mich entfernt?" Bestimmt nicht!
Genauso könnte man dir einen Körperteil und ein Organ nach dem anderen entfernen. Nie würdest du auf die Idee kommen, zu sagen, dass man dich entfernt hätte. Selbst wenn man dir das Hirn entfernen würde (gut, dann funktioniert da jetzt was vielleicht nicht mehr so ganz richtig), kämst du nicht auf die Idee, dass du das wärest. Und das weißt du auch ganz genau. Denk das nur ein einziges Mal zu Ende.
Wie nun, könntest du fragen, kann man dann diese enge Bindung an den Körper verstehen? Wieso "fühle" (glaube) ich, dass ich dieser Körper bin und was muss ich tun, damit ich es anders sehen kann?
Auch das ist einfach. Alle Wahrnehmungen des Körpers (Sehen, Hören, Fühlen usw.) sind dir zugänglich. Du erfährst das alles. Dennoch sind diese Wahrnehmungen, bzw. ihre ausführenden Mechaniken im Körper selbst: Augen, Ohren, Nerven, Neuronentätigkeit usw.). Auch die Körperempfindungen – wir nennen sie meist Emotionen, Gefühle – sind Bewegungen im Körper, bzw. Bewegungen des Körpers. Du nimmst auch diese nur wahr.
Zur Erläuterung: Bei der Beschreibung der Gefühle/Emotionen erhalte ich des öfteren Proteste, weil doch die Emotionen (Gefühle) sooo wichtig und meist sooo schön sind. Gut, das mag sein. Dennoch: Was wäre, bitteschön, jegliches Gefühl für dich wert, wenn es nicht der Körper wäre, der sie ausführt? Denk einmal darüber nach. Versuch dir nur mal vorzustellen, dein Körper hätte eine Spritze bekommen, so dass du ihn absolut nicht spüren kannst. Und nun lass jemanden den besten Witz deines Lebens erzählen!
Siehst du, das mein' ich. Da ist dieser Witz, da ist der natürliche Drang des Lachens, doch das Ding, das da an dir hängt (der Körper), reagiert nicht, bzw. du fühlst es nicht. Was ist Emotion dann noch wert? Nichts!
Emotion oder Gefühl ist nichts anderes, als die Bewegung des Körpers (Muskeln, Neuronen, Nerven, Blut, Hormone etc.), ausgelöst von äußeren Reizen, Erinnerungen und gelegentlich natürlichen Körperbewegungen (beispielsweise: mal kräftig einen fahren lassen müssen).
Doch zurück zum physischen Körper. Um zu verstehen, worauf ich hinaus will, hier ein Vergleich: Um in dein Haus zu kommen, musst du einen Schlüssel haben. Du würdest sagen: "Das ist MEIN Haus und das ist MEIN Schlüssel". Doch du würdest nicht auf die Idee kommen, zu sagen: "Das Haus bin ICH, der Schlüssel bin ICH." Du würdest auch sagen: "Ich habe den Schlüssel (oder meinen Schlüssel) verloren, aber nicht: "ICH bin verloren gegangen."
Siehst du, das meine ich. So wie du den Schlüssel (deinen Schlüssel) brauchst, um in dein Haus zu kommen, so brauchst du den (deinen) Körper, um die Welt wahrnehmen und genießen zu können. Fehlt der Schlüssel, kommst du nicht ins Haus, fehlt der Körper (oder stirbt er), nimmst du die Welt nicht mehr wahr (ob diese dann überhaupt noch da ist, steht auf einem anderen Blatt).
Alles, was du bei diesem Schritt tun musst (wenn du dem folgen willst), ist, dir immer wieder bewusst zu machen, dass du den Körper nur wie einen Schlüssel oder eine Maschine benutzt. Solange, bis es dir so was von klar wird, dass das schon immer so herum war. Du wirst dich dann fragen müssen, wieso du überhaupt je auf die Idee hast kommen können, dass du der Körper wärest, dem man ggf. alles Mögliche herausschneiden kann.
Unterschätz das aber nicht. Es klingt einfach, es klingt sofort logisch, doch wie ich es schon zitiert habe: Mit der "Ich bin der Körper"-Idee entstand die Welt (oder sagen wir mal für den Moment: dein persönliches Universum) um dich herum. Es muss zweifelsfrei klar werden, dass du den (deinen) Körper nur benutzt. Auch wenn dieser so eng mit dir verbunden ist, dass ein dreifach an der Haut angepiercter oder angenähter Schlüssel dagegen noch wie ein frei flatternder Luftballon aussieht.
Kommen wir nun zum zweiten Körper, oder der zweiten Ebene: dem Subtilkörper.
Der Veda sieht diesen Körper als eine Vereinigung von:
1. den fünf Sinnen der Handlung (Hände, Füße, Mund, Genitalien und Anus)
2. den fünf Sinnen des Wissens (Augen, Ohren, Nase, Zunge und Haut)
3. den fünf Pranas oder Lebensströmen (vyana vayu, der flüssige Nahrung im Körper zur Verfügung stellt; samana vayu, der im Nabel gefunden wird; udana vayu, der im Hals gefunden wird; apana vayu, der im Darm gefunden wird; prana vayu, das, was wir ein- und ausatmen)
4. dem Verstand (manas)
5. dem Intellekt (buddhi)
Für unsere Zwecke reicht es aus, das, was wir Geist oder Verstand nennen, zu betrachten. Im Grund können wir es noch einfacher auf "den Strom der Gedanken" begrenzen.
Hierzu noch einmal eine Erinnerung: Nur wenn der Körper erscheint, erscheint auch die Welt und umgekehrt. Beide hängen und gehören – und das ist unsere direkteste Erfahrung – eng zusammen. Du erfährst immer Körper und Welt als ein einziges Bild. Einmal zu Ende gedacht, wird klar, dass, wenn ich nicht der Körper bin, auch nicht die Welt sein kann.
Es scheint unumgänglich, herauszufinden, ob denn das "Ich" sich hier in diesem Körper oder dieser Ebene befindet. Vor allem, wenn wir dem Veda folgen, der klar sagt, dass dieser Subtilkörper der Sitz von Leben und Tod ist. Und er, seiner Natur entsprechend, die Quelle aller Begierden ist. Das wird jedem, der einmal den Turya-Zustand (vierter Körper), bzw. Brahman (reines Bewusstsein) durchschaut und verwirklicht hat, völlig klar. Es sind die Gedanken (und somit auch Wünsche und Sorgen), die hier entstehen, und damit die Geburt eines Universums verursachen, damit sich die im Subtilkörper befindlichen Begierden verwirklichen können (Oje, ist er jetzt verrückt geworden, der Lehner, hier riecht's ja förmlich nach Wiedergeburtsgedanken; wir werden uns später ansehen, wie das zusammenhängt und was damit gemeint sein könnte).
Was also kenne ich, nachdem ich zweifelsfrei festgestellt habe, dass ich nicht der physische Körper bin und mich auch nicht in diesem (und der Welt) befinde? Bin ich nun diese Gedanken oder dieser ständige Strom an Gedanken, der mich den ganzen Tag belästigt? Bin ich hier mit meinen Sinnen der "Handelnde"?
Wir sagen "meine Gefühle", "mein Verstand", "meine Wahrnehmung" usw. Auch hier käme niemand auf die Idee, zu sagen: "Ich bin der Verstand", "Ich bin das Gefühl" oder "Ich bin die Wahrnehmung". Wir sagen eventuell sogar: "Man wird mir das Leben nehmen" und nicht "Ich werde weggenommen!"
Alleine diese – durchaus gängige – Wortwahl zeigt uns schon die Antwort: Nein, sie (die Gedanken) mögen quälen, doch wen quälen sie? Den Körper (und die Welt), doch nicht mich. Auch sie, die Gedanken, sind in dem Bild, das mir erscheint, mit enthalten.
Damals, als ich die verschiedenen Yoga-Arten "untersuchte", um herauszufinden, was dahinter steckt, stieß ich auf interessante Übungen aus dem Raja-Yoga (man kann, aber man muss sie nicht nachmachen). Hier ein Auszug aus "Nur wer schlecht träumt, will erwachen …":
"Eine Übung, die ich einige Zeit machte, war zu versuchen, nicht zu denken. Als es mir endlich mal für einige Zeit einigermaßen gelang, schnaubte mein Hund mal eben kurz neben mir, und sofort kamen neue Gedanken hoch, von Hunden und allem drum herum. Diesen "Erstgedanken" folgten automatisch weitere Gedanken, die sich wie eine Kette von Folgegedanken aneinander reihten und sich vom ursprünglichen "Thema Hund" immer weiter entfernten. Es dauerte nicht lange und ich konnte erkennen, und das ist sicherlich nichts Neues für Sie, dass Gedanken durch Sinnesreize ausgelöst werden. Und dabei ist es egal, ob es sich um ein Gefühl im Körper, oder um etwas das man sieht, fühlt oder hört usw. handelt. Mit jedem neuen Sinnesreiz entstehen (oder bewegen) sich Gedanken. Da ist alles ruhig, Sie sitzen in tiefer Versunkenheit – und dann knurrt der Magen. Vorbei ist's mit der tiefen Konzentration. Schon jagt ein Gedanke den anderen. Ob Sie wollen oder nicht."
"Eine andere Übung in diesem Zusammenhang ist das Beobachten der Gedanken. Gar nicht so einfach. Aber interessant. Versuchen Sie es ruhig einmal. Entspannen Sie sich und versuchen Sie, vollkommen unbeteiligt Ihre Gedanken zu beobachten. Mischen Sie sich nicht ein und bleiben Sie den ablaufenden inneren Geschehnissen und Gedanken fern. Als ich einige Zeit so vor mich hin übte, hatte ich auf einmal das Gefühl, ich sitze wie auf einer Sanddüne, und die Gedanken marschieren ähnlich einer Kamelkarawane an mir vorbei. Aber nur der kleinste Moment einer Unaufmerksamkeit, und man sitzt quasi wieder auf einem der Kamele und wird von ihm quer "durch die Wüste" geschleift. Trotzdem war es eine interessante Erfahrung. Sie sollte später noch sehr wichtig werden."
Betrachten wir nun mal den Zusammenhang zwischen Gedanken und dem Körper. Wenn gedacht wird, dass der Körper jetzt nach links gehen soll, so tut der das anstandslos. Du wirst es noch nie erlebt haben, dass gedacht wurde, er soll nach links gehen und dann wäre dieser Fleischklops von selber nach rechts marschiert. Außer vielleicht, er war gerade sternhagelvoll. Aber dieses Ausnahme-Maleur lässt sich ja leicht erklären. Du brauchst nur ein wenig zu beobachten, um festzustellen, dass alle Handlungen des Körpers von den Gedanken ausgehen. Und wenn du tiefer beobachtest, wie in den obigen Übungen gezeigt und auch in den Beispielen von der Sonneninsel aufgezeigt, so muss (oder müsste) dir sehr bald klar werden, dass alles von selbst geschieht. In dem Bild, dass dir jeden Tag erscheint, reagiert alles auf alles – und zwar völlig automatisch. Und dazu gehört auch die gesamte Gedankentätigkeit, die offensichtlich oder wahrscheinlich im Hirn stattfindet (zumindest bei den meisten findet da noch was statt, glaub' ich). Da ist – zumindest für den Moment – einfach niemand, kein Wesen also, der/das einen Einfluss von Außen nehmen würde. Der physische Körper steht – mit Ausnahme der natürlichen Tätigkeiten, wie Atmen, Verdauen usw. – voll unter der Fuchtel der Gedanken. Und die kreieren sich wie ein Automat aufgrund der äußeren Reize, in Verbindung mit den gemachten Erfahrungen (Erinnerungen). Sie steuern sich selbst.
Früher gab es in manchen Lokalen diese Musikboxen, bei der sich oben eine große Glaskuppel befand, in der eine Band aus Spielzeugaffen zu sehen war, die Rasseln, Becken, Gitarren und andere Instrumente in ihren Pfoten hielten. Warf man 10 Pfennig hinein, dann hüpften die Affen einige Zeit und gaukelten eine Musikkapelle vor. So kommt mir heute unser Leben auch vor. Nachts wird in jedem von uns ein "Zehnerl" reingeworfen, und dann hüpfen wir wieder – jeder wie er eben gerade programmiert ist – für ca. 16 Stunden sinnlos umher.
Übrigens: Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bekam ich neulich eine äußerst treffende Antwort: Blöd-Sinn (Danke B., Danke I.).
Der Subtilkörper wird im Veda als "im Zustand des Träumens" bezeichnet. Er enthält oder konserviert mit Vorliebe Wissen, das aus gegensätzlichen Konzepten besteht, wie "das ist soundso" und Zweifel wie "etwas ist nicht soundso". Ständig scheint er in Konflikt mit sich selbst zu sein.
Wenn wir hier noch einen Schritt weiter gehen, dann sollte es uns zu denken geben, dass wir uns mit unseren (Wunsch-)gedanken ja nicht nur auf den Körper beschränken. Da wünscht man sich also etwas – beispielsweise das allseits begehrte Wunschobjekt: "die große Liebe" –, doch befindet die sich im Körper, über den man glaubt, die Herrschaft zu haben? Ich hatte vor Jahren mal nachgeschaut, aber ich fand darin keine. Daraus habe ich geschlossen, dass, wenn es sie überhaupt gibt, sie außerhalb des Körpers – irgendwo "da draußen" in der weiten Welt – geben müsste.
Doch normalerweise heulen wir schon hilflos vor uns hin, wenn der Nachbar seine Rasenmähermanie nicht beilegen will. Wir halten uns dann für hilflose Würstchen, die nichts zerreißen oder auf die Reihe bekommen können. Funktioniert also offensichtlich nicht so richtig mit dem "da draußen" etwas beherrschen können.
Doch wie nun, frage ich, kann ich mir dann mit meinen Gedanken etwas "von da draußen" überhaupt wünschen wollen und meinen, ich könne es mit diesem Denken auch noch erreichen? Zu glauben, dass die Tussi (oder der Macker) dann auch noch vor mir erscheinen wird. Doch nur, wenn ich von Haus aus den Glauben oder die Vorstellung habe, dass diese (meine) (Wunsch-)gedanken schamlos in dem gesamten Weltbild, das mir erscheint, herumgrabschen können. Oder etwa nicht?
Na gut, die Idee vom lieben Gott hab ich hier außer Acht gelassen, aber den knöpfen wir uns später noch vor.
Die Tusnelda (oder den Haberer) von "da draußen" mit Wunschgedanken herbei zaubern wollen (und glauben, dass es funktioniert), aber dem Rasenmäher des Nachbarn das Maul nicht stopfen können. Wie passt das zusammen? Denk mal ein wenig darüber nach.
Dämmert's? Wird's klar? Ja, genau! Die Gedanken – der Subtilkörper – sind/ist nicht auf diesen einen physischen Körper beschränkt. Er erschafft die Welt! Vergiss nicht, sie ist "nur" eine Illusion, ein Traum. Die Gedanken waren noch nie auf den Körper beschränkt – auch wenn du dir das bislang vielleicht eingebildet hast – sie befehlen und befahlen die gesamte Welt, die du kennst. Erinnere dich an die Beschreibung im Kapitel "Die Sonneninsel". Du bist die "Hierheit" des gesamten Bildes, das dir erscheint. Und so ist der Subtilkörper der Schöpfer des gesamten Bildes und nicht nur der des Körpers. Das gesamte, dir erscheinende Bild ist also von dir (nein, vom Subtilkörper) erschaffen und gehört: dir alleine! Bloß: Wer bist du?
"Welche Welt wollen Sie erlösen? Die Welt Ihrer eigenen Projektionen?
Die müssen Sie selber retten."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Lass uns hierzu noch etwas betrachten. Wenn die Gedanken also das ganze Bild beeinflussen, so wird es Zeit, auch für das ganze Bild zu denken, meinst du nicht? Bislang hast du meist für dich (die vermeintliche Person) gedacht, und es ist klar: Immer, wenn etwas schief gegangen war, waren's die anderen. Doch du warst es, du hast die Situation so hingestellt. Wenn du dann lange genug über die anderen geschimpft und dafür gesorgt hast, dass die beispielsweise noch zorniger wurden ("wenn sie schon so einen Mist machen, sollen sie auch leiden"), dann war auch klar, dass du dich nicht wirklich wohl fühlen konntest. Früher oder später fiel das auf dich zurück. Warum nur?
Nun, du erlebst das ganze Bild. Doch du erlebst es nur mit Hilfe des Körpers, der selbst ebenfalls in dem Bild mit enthalten ist. Und der sieht und hört nicht nur, der fühlt auch. Genau hingesehen fällt auf, dass er mit seinem Fühlen nur auf die Reize von Außen reagiert. Lass dir das mal auf der Zunge zergehen!
"Ihr persönlicher Körper ist ein Teil, in dem das Ganze auf wunderbare Weise reflektiert wird. Doch Sie haben auch einen universellen Körper, und Sie können noch nicht einmal behaupten, dass Sie ihn nicht
kennen, denn ständig sehen und erfahren Sie ihn. Sie nennen ihn
halt ‚die Welt' und haben Angst vor ihm."
[Sri Nisargadatta Maharaj – aus "Ich bin"]
Mit jedem vermeintlichen Bösewicht, den du in dein Bild gezaubert hast, erfährst du den (deinen) Körper als Gegenstück dazu – als Empfangsantenne für das, was du verbrochen hast. Und du wirst mir jetzt sicher nicht weis machen wollen, dass du die Gefühle von Zorn, Hass, Wut usw. lieben würdest. Dennoch bist du es (hier ist natürlich der Subtilkörper gemeint, von dem du bislang dachtest, du wärest es), der all das da hinstellt und hinstellte. Und wenn du das lange genug machst ("die anderen sind die Dummen und meine Feinde"), brauchst du dich nicht wundern, wenn der Körper, der ja voll unter der Fuchtel der Gedanken steht, mit entsprechenden Wehwehchen – bis hin zum Exitus – reagiert.
noch nix!
noch nix!
noch nix!
noch nix!
noch nix!
noch nix!
